Beam me up, Scotty! Zwischen Math-Rock-Hype und der Angst vor dem Algorithmus.

https://youtu.be/0Ssi-9wS1so?is=s16IE6-FE_1DH8uv

Beam me up, Scotty! Zwischen Math-Rock-Hype und der Angst vor dem Algorithmus. 

Das Phänomen : Angine de Poitrine

Ist das Kunst oder kann das weg?

Mr. Spock erschrickt.
Statt des vertrauten vulkanischen Grußes – die Hand mit gespreiztem Ring- und Mittelfinger, ein Symbol für Logik und Frieden – wird er mit einem seltsamen, rituellen Dreieck empfangen. Vor ihm stehen zwei Gestalten in schwarz-weißen Ganzkörper-Punkt-Kostümen. Als diese „Raumfahrer“ dann zu ihren Instrumenten greifen – einer bizarren doppelhalsigen Hybrid-Gitarre und einem Schlagzeug, das klingt, als hätte ein Rechner gerade einen rhythmischen Schlaganfall –, bleibt Spock nur ein kurzer, panischer Griff zum Kommunikator: „Beam me up, Scotty! Hier gibt es kein intelligentes Leben, nur disharmonisches Chaos.“

Das Phänomen Angine de Poitrine

Die Rede ist von Angine de Poitrine. Ein Duo aus Kanada, das gerade die Musikwelt spaltet. Die einen feiern sie als die lang ersehnte Antwort auf die totale Glättung der Musik durch Künstliche Intelligenz. Die anderen – und dazu zähle ich mich – sehen zwei Musiker, die sich einen Spaß erlauben, den außer ihnen niemand so recht versteht.

Fractus 2.0: Die Rückkehr der „lächerlichen Clowns“?

Wer die Mockumentary über die fiktive Band Fractus kennt, wird hier ein massives Déjà-vu erleben. Es wirkt, als wären die deutschen Satire-Legenden als kanadisches Math-Rock-Duo wiederauferstanden. Die Kostüme sind so herrlich drüber, dass es wehtut. Man fragt sich unwillkürlich: Ist das hohe Kunst oder einfach nur ein verdammt gut inszenierter Troll-Angriff auf eine Branche, die verzweifelt nach dem „nächsten großen Ding“ sucht?

Das „künstliche Produkt“ als Retter vor der KI

Der eigentliche Witz ist der Kontext: In einer Zeit, in der KI-Modelle per Mausklick perfekte Pop-Songs generieren, wird die disharmonische, sperrige Musik von Angine de Poitrine als „Beweis für menschliche Kreativität“ hochgejazzt. Der Hype entsteht nicht trotz, sondern wegen der Disharmonie. Es scheint, als hätte die Musikwelt eine solche Angst, sich in der Bedeutungslosigkeit zu verlieren, dass sie alles zum „heiligen Gral“ erklärt, was nur unkonventionell genug aussieht. Ohne diesen Druck durch die KI wäre dieses Projekt vermutlich nur eine minimale Randnotiz geblieben.

KI kann auch „Lärm“ – wenn man sie lässt

Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Wer glaubt, dass Disharmonie und Chaos die letzte Bastion des Menschlichen sind, unterschätzt die Technik. Auch das, was Angine de Poitrine dort auf der Bühne zelebrieren, lässt sich heute mit den richtigen Prompts generieren. „Erzeuge einen math-rockigen, mikrotonalen Track mit absichtlich asynchronen Drums und einer Prise Dadaismus“ – und die KI liefert. Absurdität ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr.

Fazit: Synergie statt Lärmbelästigung

Am Ende wird die KI-Musik ihren Weg weitergehen, aber sie wird echte Musiker niemals ersetzen. Der entscheidende Punkt ist: Man muss nicht „schlechte“ Musik machen oder in lächerliche Kostüme schlüpfen, um seine Existenzberechtigung als Mensch zu untermauern.

Die Zukunft liegt nicht in der Flucht in die totale Disharmonie, sondern in der Synergie. Echte Musiker und künstliche Intelligenz werden sich ergänzen und völlig neue Klangwelten erschaffen – Synergien, die weitaus spannender und ästhetischer klingen als diese aktuelle „Lärmbelästigung“. Wir brauchen keine maskierten Retter; wir brauchen Künstler, die die neuen Werkzeuge nutzen, um etwas zu schaffen, das Herz und Verstand erreicht.

Ob Angine de Poitrine mehr sind als ein One-Hit-Wonder der Hype-Kultur? Ich wage es zu bezweifeln. Sobald das Rätsel der Masken verblasst, wird sich zeigen, ob unter den Punkten mehr steckt als nur ein gut getimter Scherz.

Die Frage bleibt:
Übersehe ich hier Genialität – oder feiern wir gerade kollektiv einen gut verkleideten Witz?

Maximilian M6LabRec.

für KiBeats & OnPlug.net

1