TuneCore, Suno und Google Flow: Warum viele Künstler von Doppelmoral sprechen

Die Diskussion um KI-Musik hat in den vergangenen Monaten eine neue Stufe erreicht. Besonders TuneCore steht dabei zunehmend in der Kritik. Der Distributor lehnt heute zahlreiche Songs ab, die mit Suno erstellt wurden, während gleichzeitig Partnerschaften mit KI-Anbietern wie Google Flow, Udio oder ElevenLabs ausgebaut werden. Auch wir haben in der Community mit Künstlern gesprochen, deren Songs trotz eigener Texte und gültiger Nutzungsrechte aufgrund der verwendeten KI-Technologie abgelehnt wurden.

Für viele unabhängige Künstler stellt sich daher eine einfache Frage: Ist TuneCore wirklich gegen KI-Musik – oder nur gegen bestimmte KI-Musik?

Als KI-Musik noch willkommen war

Als Plattformen wie Suno erstmals auf den Markt kamen, sahen viele Musiker darin eine kreative Revolution. Songwriter konnten ihre eigenen Texte vertonen, Produzenten neue Ideen testen und Künstler Musik erschaffen, die ohne großes Budget kaum möglich gewesen wäre. Zahlreiche Musiker investierten Zeit, Geld und kreative Arbeit in diese neuen Werkzeuge. Viele schrieben ihre Texte selbst, entwickelten Konzepte, Cover-Artworks und Marketingstrategien – und betrachteten Suno lediglich als ein weiteres Produktionswerkzeug.

Doch dann begann die Ablehnungswelle.

TuneCore zieht die Grenze

TuneCore erklärt heute offiziell, dass KI-Musik nur dann vertrieben werden darf, wenn die zugrunde liegenden KI-Modelle mit vollständig lizenzierten Datensätzen trainiert wurden. Das Unternehmen argumentiert, dass Künstlerrechte, Transparenz und Vergütung geschützt werden müssten. Aus dieser Sicht sei nicht jede KI gleich. Das Problem: Für viele Künstler ist diese Unterscheidung kaum nachvollziehbar.

Wer einen Song mit eigenen Texten erstellt hat, eine gültige Lizenz des KI-Dienstes besitzt und sämtliche Veröffentlichungsrechte erworben hat, versteht oft nicht, warum sein Song plötzlich als Risiko eingestuft wird.

Der Vorwurf der Doppelmoral

Besonders kritisch wird die Situation dadurch, dass TuneCore und die Muttergesellschaft Believe gleichzeitig neue Partnerschaften mit KI-Unternehmen bekanntgegeben haben. Während Suno-Nutzer Ablehnungen erhalten, werden andere KI-Plattformen aktiv gefördert und in bestehende Künstlerprogramme integriert.

Für viele Kreative entsteht dadurch der Eindruck: KI ist kein Problem – solange sie vom richtigen Partner kommt.

TuneCore widerspricht dieser Darstellung. Das Unternehmen verweist darauf, dass es nicht um KI selbst gehe, sondern um die Herkunft der Trainingsdaten. Trotzdem bleibt bei vielen Musikern ein bitterer Beigeschmack zurück.

Die Folgen für unabhängige Künstler

In Foren, Communities und sozialen Netzwerken berichten zahlreiche Nutzer von einem Wechsel zu anderen Distributoren wie DistroKid. Der Grund dafür ist weniger die eigentliche KI-Debatte als vielmehr die Unsicherheit.

Künstler möchten wissen:

Darf ich meine Musik veröffentlichen?

Werden meine Songs plötzlich gelöscht?

Kann ich mich auf die Plattform verlassen?

Gelten die Regeln morgen noch genauso wie heute?

Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, suchen viele nach Alternativen.

Das eigentliche Problem

Die zentrale Frage lautet nicht, ob KI-Musik existieren darf. Sie existiert bereits. Die eigentliche Frage lautet:

Wer entscheidet, welche KI akzeptabel ist und welche nicht?

Wenn ein Künstler seine Texte selbst schreibt, kreative Entscheidungen selbst trifft und für die Nutzung eines Tools bezahlt, fühlt es sich für viele falsch an, wenn ein Distributor nachträglich bestimmt, welche Technologie legitim ist. Vor allem dann, wenn derselbe Distributor parallel eigene KI-Partnerschaften aufbaut.

TuneCore argumentiert, dass es Künstler schützen möchte. Viele Künstler haben jedoch den Eindruck, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Ablehnung von Suno-Produktionen bei gleichzeitiger Förderung anderer KI-Plattformen mag aus juristischer Sicht nachvollziehbar sein. Aus Sicht vieler unabhängiger Musiker wirkt sie jedoch widersprüchlich. 

Ob man dies als verantwortungsvolle Rechtepolitik oder als Doppelmoral betrachtet, hängt letztlich vom eigenen Blickwinkel ab.

Fest steht jedoch: Die Diskussion um KI-Musik wird nicht verschwinden. Und Plattformen, die Vertrauen schaffen wollen, werden künftig deutlich transparenter erklären müssen, warum bestimmte Künstler willkommen sind – und andere nicht. (ck)

 

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