Warum Musik-Manager keine Lust mehr auf Venture Capital haben

Die Musikindustrie hat in den vergangenen Jahren nahezu jeden Technologietrend mitgenommen. Streaming, NFTs, Creator Economy, Web3, künstliche Intelligenz und Fan-Plattformen haben Milliardeninvestitionen angezogen und eine Welle neuer Unternehmen hervorgebracht. Lange Zeit schien die Richtung klar: Wachstum war wichtiger als Profitabilität, Reichweite wichtiger als Nachhaltigkeit und die nächste Finanzierungsrunde wichtiger als das eigentliche Geschäft.

Doch inzwischen zeichnet sich ein Stimmungswechsel ab.

Immer mehr Branchenveteranen entscheiden sich bewusst gegen das klassische Startup-Modell und gegen den permanenten Druck externer Investoren. Stattdessen entstehen neue Unternehmen, die nicht auf maximale Skalierung, sondern auf Kontrolle, langfristige Wertschöpfung und nachhaltige Geschäftsmodelle setzen.

Die Aussage des ehemaligen Musikmanagers Joie Manda, er habe nicht von den Major Labels direkt auf ein neues „Hamsterrad für Investoren“ wechseln wollen, bringt diese Entwicklung erstaunlich präzise auf den Punkt.

Das Ende der Wachstumseuphorie

Über Jahre hinweg war die Musikbranche ein beliebtes Spielfeld für Investoren. Streaming wuchs rasant, neue Plattformen entstanden im Monatsrhythmus und nahezu jede technologische Innovation wurde als potenzieller Gamechanger gehandelt.

In dieser Phase konnten Unternehmen oft hohe Bewertungen erzielen, lange bevor ein funktionierendes Geschäftsmodell nachgewiesen war. 

Viele Gründer mussten sich dabei jedoch auf einen Kreislauf einlassen, der in der Startup-Welt längst bekannt ist: Kapital aufnehmen, Wachstum vorweisen, neue Investoren finden und den Prozess wiederholen.

Solange die Märkte optimistisch waren, funktionierte dieses Modell erstaunlich gut. Heute sieht die Situation anders aus. Investoren achten wieder stärker auf Umsätze, Margen und reale Geschäftsperspektiven. Die Zeit, in der jede Plattform allein durch Nutzerwachstum überzeugen konnte, scheint zumindest vorerst vorbei zu sein.

Die Rückkehr der Unabhängigkeit

Gleichzeitig wächst in der Branche das Interesse an unabhängigen Strukturen.

Viele erfahrene Manager haben erlebt, wie sich die Musikindustrie von physischen Verkäufen über Downloads bis hin zum Streaming entwickelt hat. Sie wissen, dass technologische Trends kommen und gehen. Was bleibt, sind starke Künstler, loyale Communities und belastbare Geschäftsmodelle.

Deshalb beobachten wir zunehmend eine Gegenbewegung.

Anstatt möglichst schnell ein milliardenschweres Unternehmen aufzubauen, konzentrieren sich viele neue Akteure auf profitable Nischen, direkte Beziehungen zu Künstlern und langfristige Strategien. Die Frage lautet nicht mehr zwangsläufig: „Wie groß können wir werden?“, sondern: „Wie unabhängig können wir bleiben?“

Das mag weniger spektakulär klingen als die nächste Finanzierungsrunde in dreistelliger Millionenhöhe. Für viele Unternehmen könnte es jedoch die nachhaltigere Strategie sein.

Die AI-Welle verschärft die Entwicklung

Besonders sichtbar wird dieser Wandel im Umfeld künstlicher Intelligenz.

Zahlreiche AI-Startups sind in den vergangenen Jahren entstanden, um Musik zu generieren, Stimmen zu klonen oder neue Produktionswerkzeuge bereitzustellen. Viele dieser Unternehmen wurden mit hohen Erwartungen und entsprechend hohen Bewertungen ausgestattet.

Doch auch hier stellt sich inzwischen die entscheidende Frage: Wer verdient tatsächlich Geld?

Die Technologie beeindruckt zweifellos. Gleichzeitig wird deutlich, dass technologische Innovation allein kein Geschäftsmodell ersetzt. Plattformen müssen Nutzer halten, Künstler überzeugen und langfristige Einnahmequellen aufbauen.

Der Hype rund um KI verschwindet nicht. Aber die Branche beginnt zu unterscheiden zwischen spannender Technologie und nachhaltigem Unternehmen.

Die neue Mitte der Musikindustrie

Vielleicht entsteht genau jetzt eine neue Kategorie von Musikunternehmen.

Auf der einen Seite stehen die globalen Major Labels mit ihrer enormen Reichweite, ihren Katalogen und ihren Ressourcen. Auf der anderen Seite befinden sich die klassischen Venture-Capital-Modelle, die auf schnelles Wachstum und hohe Bewertungen setzen.

Dazwischen öffnet sich ein Raum für Firmen, die bewusst unabhängig bleiben wollen.

Diese Unternehmen müssen weder den Erwartungen großer Konzerne noch den Vorgaben externer Investoren folgen. Sie können langfristiger denken, flexibler agieren und ihre Entscheidungen stärker an Künstlern und Kunden ausrichten.

Für viele Branchenveteranen scheint genau das derzeit die attraktivste Option zu sein.

Weniger Hype, mehr Substanz

Die Musikindustrie wird auch künftig neue Technologien hervorbringen. KI, virtuelle Künstler und datengetriebene Geschäftsmodelle werden die Branche weiter verändern. Doch parallel dazu wächst das Bewusstsein, dass nicht jede Innovation automatisch ein Unicorn werden muss.

Vielleicht beginnt gerade eine Phase, in der wieder stärker über nachhaltige Unternehmen gesprochen wird als über spektakuläre Bewertungen. Eine Phase, in der Kontrolle wichtiger wird als Kapital und Profitabilität wichtiger als Aufmerksamkeit.

Wenn das tatsächlich passiert, könnte sich die wichtigste Veränderung der Musikbranche nicht in einem neuen Tool oder einer neuen Plattform zeigen. Sondern in der Frage, wer die Kontrolle über sein Unternehmen behalten möchte – und wer nicht. (ck)

 

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